3 Kilometer

3 Kilometer

"Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht"
 
Das Daedalus Riff gehört zu den Spektakulärsten im Roten Meer und alle freuten sich auf die Tauchgänge hier.
Morgens trug ich in mein Logbuch "sanfter Tauchgang" ein.  Wenige Stunden später, beim Nachmittagstauchgang, trafen wir auf kräftige Strömung, die uns einiges abverlangte, um wieder zum Boot zurückzukehren.
Innerhalb kurzer Zeit hatten sich am Riff Strömungen entwickelt, die noch während des Strömungschecks vor dem Tauchgang nicht erkennbar waren.
 
Meine beiden Buddies und ich gingen nach 50 Minuten Tauchzeit wieder an Bord. Das Tauchdeck war bereits voll, wir gehörten zu den letzten  –  so dachten wir.
Wir demontierten unser Equipment, schälten uns aus dem Neopren, hinein in trockene Kleider, begleitet von Kommentaren und Gesprächen über den tollen Tauchgang. Als wir den warmen Tee in der Hand hielten, bemerkten wir, dass es dieses Mal doch anders war: Der Dive Guide, der sonst ruhig aus einer Ecke des Decks mit wachen Augen alles überblickte, lief deutlich nervös zwischen Ober- und Tauchdeck auf und ab. Einige der Crew standen an der Reling und spähten in Richtung Horizont. Jetzt verbreitete sich die Nachricht, dass zwei Taucher noch nicht an Bord waren! Und seit Beginn des Tauchgangs waren eineinhalb Stunden vergangen!
 
Alle begaben sich an die Reling, über 20 Menschen suchten nach allen Richtungen die Wasseroberfläche ab, die meisten mit bloßem Auge, einige mit Ferngläsern.
War da nicht etwas, der Kopf eines Tauchers? Nein, die nächste sanfte Welle nahm diesen winzigen Punkt wieder weg.
Müssten die nicht ihre Bojen aufgeblasen haben? Die Bojen sind hoch, signalfarben, sie müssten zu sehen sein. Dahinten vielleicht? Mit dem Fernglas? Nein, da ist nichts. Reflexionen auf der Wasseroberfläche, Wellenbewegungen und der Wunsch etwas zu sehen, täuschten uns alles Mögliche vor, tatsächlich zu sehen war nichts.
 
Aber wir waren ja auch die Gäste, nicht die erfahrene Crew. Immer wieder blickten wir zu ihnen, doch offenbar konnten auch sie nichts entdecken.
Lange Minuten.
Der Kapitän ließ bereits die Motoren anlaufen, um mit dem Boot auf Suche zu gehen. Dann lief einer der Crew zum Guide und rief: "We have an ENOS-Signal!"
 
Für einen Moment schien die Welt still zustehen  —  große Erleichterung und allgemeines Aufatmen machte sich breit. Denn auch wenn wir die Vermissten noch nicht an Bord hatten, wussten wir schon 2 Dinge:
  1. Sie leben!
  2. Sie sind oben. Oben, an der Wasseroberfläche!
 
Für meine Buddies und mich war es das erste Mal, dass wir mit ENOS tauchten.
Zu Beginn der Safari waren wir in das System eingewiesen worden, seitdem führten wir den Sender bei den Tauchgängen mit uns. Intellektuell war uns natürlich klar, dass es sich um ein Sicherheitssystem handelt. Aber die einfache Bedienung und die Tatsache, dass es schlicht in unseren Jacket-Taschen verschwand und nicht weiter beachtet werden musste, trug sicher mit dazu bei, dass wir ihm bisher keinerlei weitere Beachtung geschenkt hatten. Jenseits der rationalen Einsicht, dass es sinnvoll sein könnte, fühlte es sich bis zu diesem Moment eher an wie eine Marketingmaßnahme der Bootseigner  –  sicher nur ein weiterer Service in einem hart umkämpften Markt, um uns aufs Boot zu bekommen. Und keiner von uns war je abgetrieben worden.
 
Wie alle anderen Gäste waren wir gerade noch Suchende; jetzt wurden wir Zuschauer einer schnellen und präzisen Rettungsaktion. Sofort wurde ein Schlauchboot klargemacht, drei Crew-Mitglieder stiegen ein, zwei mit Notfall-Equipment, einer mit einem portablen ENOS-Empfänger. Er gab dem Schlauchboot-Fahrer kurz eine Richtungsanzeige, dann löste sich das Boot vom Safarischiff und fuhr mit hoher Geschwindigkeit in einer geraden Linie davon, verfolgt von unseren Blicken.
 
Ich bin an der Nordsee aufgewachsen und habe früh gelernt, dass die sichtbare Horizontlinie vom Strand aus bei knapp fünf Kilometern liegt, vom Oberdeck des Bootes aus zwischen sieben und acht Kilometern. Nach knapp der Hälfte dieser Distanz  –  wie sich später zeigte, bei 3 Kilometern  –  stoppte das Boot.
 
Was ich bis heute als eindrücklichste Erinnerung aus dieser Aktion behalten habe, ist nicht die Rettung der Taucher, die gut ausging.
Es ist die Tatsache, dass auf diese Distanz, die aus dem Blickwinkel des Bootes nur knapp entfernt liegt, das große Schlauchboot mit den drei darin aufrecht stehenden Männern nicht mehr als ein Stecknadelkopf war. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass genau dort das Schlauchboot und die Taucher waren, hätte ich nichts erkannt!
 
Die abgetriebenen Taucher berichteten später, dass sie ihre Bojen natürlich gesetzt hatten, in der Annahme, dass die gesehen werden. Zu ihrer nachhaltigsten Taucherfahrung gehört jetzt, dass sie visuell tatsächlich verloren waren.
Das Schlauchboot kehrte zurück, nun löste sich auch  die letzte Anspannung.
Ich wandte mich einem meiner Buddies zu und sagte: „3 Kilometer. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht“. Er nickte und meinte: „Ich auch nicht.“, und nach einer kurzen Pause: „Ich gehe nie wieder auf ein Boot ohne ENOS."
 
Vielleicht klingt dieser Satz nun, so zitiert, wie Marketing, ist es aber nicht.
Die ENOS-Sender in unseren Jacket-Taschen waren immer noch die gleichen, unser Gefühl zu ihnen aber ein ganz Anderes!
 
 
Heiner